Sich eine positive Zukunft vorzustellen, trifft auf Hürden. Vorstellungen der Zukunft sind gespickt mit Problemen der Gegenwart. Eine Gegenwart voller Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung und ungleicher Machtverteilung. Aber nichts davon ist unausweichlich – weder sind wir dazu verdammt, in einer solchen Welt zu leben, noch ist sie das Ergebnis einer menschlichen Natur.

Mit dieser Vision einer Zukunft für alle wollen wir uns von der Gleichgültigkeit der vermeintlichen Alternativlosigkeit lösen und eine positive Vision präsentieren, die über die kapitalistische Wachstumsgesellschaft hinaus weist und dabei konkret vorstellbar ist. Wir fangen eine neue Geschichte an und entwerfen Bilder einer Zukunft, die wir noch nicht kennen. Dies war bereits vor der Corona-Pandemie notwendig, und ist es nun umso mehr. Denn wir brauchen Ideen, die Mut machen und Hoffnung geben. Vorschläge, die Lust auf Zukunft erzeugen und dazu anregen, sich in die Gestaltung der Gesellschaft einzubringen. →

Damit sind wir auf offene Ohren gestoßen. Denn viele Menschen haben das Bedürfnis, für eine gute Zukunft tätig zu werden. In zahlreichen Projekten, Gruppen und Initiativen kommt immer wieder die Frage nach Alternativen zum herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem auf. Die Vorschläge bewegen sich dabei bislang großteils auf lokaler Ebene, fokussieren auf einzelne Politikvorschläge oder spiegeln eine bestimmte ideologische Strömung wider. Es fehlt eine umfassende Antwort. Nicht als Blaupause, sondern als Orientierung für und Motivation für aktuelle politische Auseinandersetzungen. Und um der starken Erzählung der Rechten und der Angst in der Abstiegsgesellschaft etwas entgegenzusetzen.

Die Vision Zukunft für alle ist von Menschen entwickelt und diskutiert worden, die aktuell vor allem im deutschsprachigen Raum leben. Daher ist es auch keine Vision für die ganze Welt, sondern beispielhaft für eine große Region in Europa, die sich aus dem heutigen Deutschland heraus entwickelt hat. Sie ist ein Vorschlag für eine vielfältige Welt, in die viele Welten passen. Trotz dieses regionalen Fokus ist die Vision ganz grundlegend aus einer globalen Gerechtigkeitsperspektive entstanden und ohne diese auch nicht verständlich. →

Eine umfassende Antwort bedeutet für uns, zentrale Elemente unseres heutigen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems zu hinterfragen und teilweise zu überwinden. So sollen Markt, Geld, Arbeit und Eigentum 2048 eine ganz andere Rolle spielen als heute. In diesem neuen Rahmen werden wir anders miteinander umgehen. Unsere Beziehungsweisen werden sich grundlegend verändern, genauso wie unser Alltag, wie wir tätig sind, essen, wohnen, unterwegs sind, streiten, entscheiden, leben und lieben. Denn unser tägliches Leben und die politischen Rahmenbedingungen durchdringen sich.

Dabei ist klar: Diese Vision ist weder Vorhersage noch Masterplan. Sie ist ein Vorschlag zur Beantwortung der Frage, wie wir leben wollen und wie wir dahin kommen. Wir halten es nicht unbedingt für realistisch, dass die Entwicklungen, die wir hier skizzieren, auch so eintreten.

Zukunft für alle ist daher vor allem eines: Eine Einladung zum Denken, Träumen, Debattieren und Kritisieren. Wir wollen damit zu einer ernsthaften gesamtgesellschaftlichen Debatte über eine gerechte und ökologische Zukunft beitragen. ↓

WIE SIND DIESE TEXTE ENTSTANDEN?

Diese Vision ist durch die Zusammenarbeit mit vielen Partner*innen entstanden. Sie baut auf den Ergebnissen von zwölf Zukunftswerkstätten mit knapp 200 Vordenker*innen aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen auf. Die Vision ist unser Beitrag für die gesellschaftliche Suche nach einer Zukunft für alle und – ganz konkret – ein Diskussionsbeitrag für den Kongress Zukunft Für Alle vom 25. bis 30. August 2020, der von einem breiten Kreis an Menschen und Organisationen getragen wird. Mehr zu der Methodik und den beteiligten Personen und Organisationen am Ende dieser Broschüre.

Wir schreiben diesen Text im Frühjahr 2020, während die Corona-Pandemie weltweit zu massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens und einer Drosselung der Wirtschaft führt. Wie auch bei anderen „Krisen“ der letzten Jahrzehnte zeigen sich in dieser Zeit zum einen die strukturellen Probleme und die Irrationalität des vorherrschenden Gesellschaftssystems. Tausende verlieren ihre Arbeit, während Wichtiges ungetan bleibt. Klimazerstörende Unternehmen werden gerettet, während Krankenhäuser unterfinanziert sind. Tausende werden eingeflogen, um zu Hungerlöhnen deutschen Spargel zu ernten, während gleichzeitig Tausenden in den Lagern, an den europäischen Außengrenzen oder auf dem Mittelmeer jede Sicherheit und das Recht zu Leben verwehrt wird. Menschen werden aus ihren Wohnungen geräumt oder leiden Mangel, während Wohnraum leer steht. →

Gleichzeitig werden aber auch in vielen Ländern der Welt Politikmaßnahmen erlassen, die noch wenige Wochen zuvor undenkbar erschienen. Demokratische Regierungen schreiben Unternehmen vor, dass sie nur Notwendiges wie Schutzkleidung oder Beatmungsgeräte produzieren. Flugzeuge bleiben weitgehend am Boden. Die Diskussion um die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens wird ernsthafter geführt als jemals zuvor. Diese Krise, wie viele andere, zeigt also auch: eine ganz andere gesellschaftliche Entwicklung, auch eine andere Politik sind möglich – aber die Zeitfenster, in denen diese verhandelt und umgesetzt werden, sind kurz.

Noch ist nicht absehbar, ob sich neoliberale oder autoritäre Kräfte durchsetzen oder ob es möglich ist, durch die Krisen der kommenden Jahre eine sozial-ökologische Transformation einzuleiten – und damit Schritte in Richtung der hier beschriebenen Utopie zu gehen. Wir befinden uns einer Zeit, in der Vieles möglich scheint.
Mit unserer Vision hoffen wir einen Anstoß zu geben für eine Zukunft für alle, die gerecht, ökologisch und machbar ist.

Wir wünschen viel Freude und Inspiration beim Lesen.

Anne Pinnow, Kai Kuhnhenn, Matthias Schmelzer, Nina Treu
Leipzig, Mai 2020

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