2048

Heute haben wir alle, unabhängig davon, wo wir geboren wurden, das Recht und die konkrete Möglichkeit, uns frei zu bewegen. Visavorschriften sind für alle gleich. Alle Pässe sind gleich viel wert, wir können alle ohne restriktive Kontrollen reisen. Weltweit setzen sich viele Menschen sogar dafür ein, Pässe und Visa komplett abzuschaffen. Schon seit den 2020ern wird niemand mehr abgeschoben. Die Zeiten, in denen Menschen wegen der Grenze im Mittelmeer gestorben sind, gelten als Mahnmal und Verbrechen der Vergangenheit.

Im Jahr 2048 gibt es:
↦ Bewegungsfreiheit
↦ Willkommenszentren
↦ Babelfische
↦ Zugang zu und Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen für alle

2048 gibt es nicht mehr:
⇤ Grenzkontrollen
⇤ Abschiebungen
⇤ Ausländerbehörden
⇤ Rassismus und andere Formen der Ausgrenzung

Zirkuläre Migration und Willkommenszentren

Früher waren geschlossene Grenzen und ungleiche Einkommen eine zentrale Ursache für Migrationsbewegungen in eine Richtung – dies hat sich mit guten Lebenschancen für alle Menschen und der Bewegungsfreiheit für alle grundlegend geändert. Heute gehen Menschen für einige Zeit in andere Regionen, einige bleiben, andere ziehen weiter oder kommen zurück. Zirkuläre Migration ist heute wieder normal, so wie sie auch historisch vor dem Kolonialismus und den Nationalstaaten in vielen Gegenden üblich war. Der Austausch zwischen Regionen und Städten auf der ganzen Welt ist damit gestiegen.

In jeder größeren Nachbarschaft gibt es Willkommenszentren. Das sind transformierte Bürger*innenämter mit Gemeinschafts-Cafés, in denen sich alle treffen können. Sie sind öffentliche Institutionen, die Mobilität nicht sanktionieren, sondern Menschen das Ankommen an neuen Orten erleichtern. Willkommenszentren sind der erste Anlaufpunkt für Menschen, die neu in einer Gegend sind. Orte, wo Menschen sich begegnen und voneinander lernen können, an denen zum Beispiel Gastfamilien und Gastnachbarschaften vermittelt werden können, und wo es erste Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Dort können auch Babelfische ausgeliehen werden – Kopfhörer, die computergesteuert beim Dolmetschen helfen und so Kommunikation in allen Sprachen ermöglichen.

Alles, was für ein gutes Leben notwendig ist – wie Wohnraum, Bildung und Gesundheitsversorgung – ist nicht an eine Staatsbürger*innenschaft geknüpft, sondern wird für alle bereit gestellt, die sich an einem Ort niederlassen. Segregation gibt es nicht: Alle Wohneinheiten und Nachbarschaften sind für alle offen, Wirtschaft und Arbeit werden von allen gestaltet. Die Anerkennung von Diversität und Differenz ist dabei die grundlegende Basis des Zusammenlebens.

BRAUCHEN WIR GRENZEN?

In Diskussionen um Migration wird oft argumentiert, Grenzen seien natürlich, gerecht und notwendig. Gesellschaften, so die Annahme, müssen kontrollieren, wer ihr Staatsgebiet betritt und verlässt. Hinter dieser Argumentation liegen viele Verlustängste – Verlust von Arbeitsplätzen, Wohlstand oder der eigenen Traditionen und Lebensweise.

Tatsächlich aber sind Grenzen weder natürlich, gerecht noch notwendig. Migration und Austausch zwischen verschiedenen Gruppen gibt es schon, seit es Menschen gibt. Grenzen zwischen Staaten haben eine vergleichsweise kurze Geschichte. Sie wurden nicht zuletzt eingeführt, um die Interessen von bestimmten privilegierten Gruppen gegen vermeintlich „Andere“ zu verteidigen.

Was ist das Problem an Grenzen? Sie sind eines der wichtigsten Instrumente, um Ungleichheit aufrecht zu erhalten: Von allen Faktoren, die bestimmen, welche Chancen ein Mensch im Leben hat, ist es am entscheidendsten, welchen Pass diese Person besitzt. Grenzen trennen die Menschen, die in Weltgegenden leben, in denen sich die Vorteile des Kapitalismus häufen, von denen, auf deren Kosten diese Vorteile angehäuft wurden und werden. Bewegungsfreiheit für alle ist daher eine grundlegende Voraussetzung für globale Gerechtigkeit.

Außerdem sind Grenzen für Menschen nicht notwendig – Bewegungsfreiheit ist keine Gefahr. Weder ist es realistisch, anzunehmen, dass Millionen von Menschen bei offenen Grenzen und viel größerer materieller Gleichheit zwischen Regionen weltweit massenhaft in bestimmte Regionen einwandern, noch ist es ein Problem. Hinter der Angst vor vermeintlicher „Überfremdung“ steht mehr rassistische Stimmungsmache als die begründete Sorge um die eigene Identität – sie wird gezielt genutzt, um die Einwanderung bestimmter Menschen zu verhindern. Migration ist keine Gefahr – sie ist eine Bereicherung für jede Gesellschaft.

Aktiv gegen alle Diskriminierungen

In der heutigen Gesellschaftsordnung wird Migration als Normalität verstanden, nicht wie früher als Problem. Alle sind überzeugt, dass jeder Mensch gleich viel wert ist. Fast alle Menschen haben nach und nach die Grenzen in ihren Köpfen überwunden und beschäftigen sich aktiv damit, keine neuen Ausschlüsse aufzubauen, wie Stereotype und Vorurteile, Rassismen, Sexismen, Homo- und Transfeindlichkeiten, Ausschlüsse von Menschen mit Einschränkungen, Klassismen und andere Formen der Ausgrenzung. Dem Aufkommen von Diskriminierung, Ausgrenzung und Herrschaft wird in der ganzen Gesellschaft aktiv begegnet – in allen Institutionen, in zwischenmenschlichen Begegnungen und auf den Straßen und Plätzen.

Niemand wird mit Fragen wie „Wo kommst Du eigentlich her?“ oder: „Vertickst Du Gras?“ in Schubladen gesteckt. Stereotype und Vorurteile werden als solche erkannt und bearbeitet. In den Häusern des Lernens wird ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass alle Verantwortung dafür tragen, dass jeder Mensch einen Alltag ohne Diskriminierung und Ausschluss leben kann – und dass diejenigen mit Privilegien diese abbauen müssen. Dabei lernen alle die Bedeutung von Intersektionalität – also wie sich verschiedene Diskrimierungen in einer Person verschränken und wie das zu ganz spezifischen Diskrimierungserfahrungen führt.

Migration ist die Mutter aller Gesellschaften

Geschichte und Geschichten werden von allen gleichermaßen erzählt und gestaltet. In allen öffentlichen Institutionen wie auch im sozialen Bereich haben Menschen sich einen selbstverständlichen Umgang mit Verschiedenheit angeeignet, kennen und wertschätzen verschiedene Sprachen, Feste, Rituale oder Kleidungsstile. Die Vielfalt der Perspektiven wird dabei als Bereicherung erlebt. Medien berichten nicht mehr effekthascherisch über Katastrophen, sondern betreiben auch einen konstruktiven Journalismus, der die positiven und wertvollen Seiten von Migration zeigt.

AUS EINEM REISEBERICHT

Ausschnitt aus einem Artikel von Andry Rakotomalala, erschienen in den Mahajanga News vom 28.04.2048, übersetzt ins Deutsche von Babelfisch (Version 11.04):

Ich weiß noch genau, was die Frau im Willkommenszentrum in Cottbus zu mir gesagt hat.

„Lieber Herr Rakotomalala, Sie kommen von einem der schönsten Orte auf Erden, ich weiß wirklich nicht, was die Lausitz Ihnen zu bieten hat.”

Ich habe ihr erzählt von meinem Interesse an Industriekultur und der Transformation der Braunkohleregionen.

„Sie leben auch an einem wunderschönen Ort”,

habe ich ihr gesagt. Daraufhin lachte sie und meinte, dass ich eigentlich ein Visum bräuchte, aber dass sie das auch anfordern und ich so lange einfach schon mal einreisen könne. Vielleicht hätte sich die Visumspflicht sowieso bald erledigt, so richtig wisse niemand mehr, was das soll. Sie hat mich dann begleitet von Cottbus nach Welzow, dort zur Wohnungsübergabe und schließlich zum Lebensmittelpunkt.

Nachdem ich dort meine erste Soljanka gegessen hatte, sagte sie, dass sie mir noch was zeigen wolle. Mit dem Fahrrad fuhren wir zum Sedlitzer See. Als wir dort saßen, wurde mir klar, dass ich vielleicht nicht für immer hier bleiben werde, aber vielleicht doch länger als das geplante halbe Jahr… Es ist schön, jetzt nach 15 Jahren wieder in meiner alten Heimat zu sein, aber ich vermisse auch die Menschen der Lausitz.

2020
Was es schon gibt

→ Afrique-Europe-Interact
Menschen aus Afrika und Europa kooperieren in einem Netzwerk und verbinden dabei den Kampf für Bewegungsfreiheit (das Recht zu gehen) mit dem Kampf für selbstbestimmte Entwicklung (das Recht zu bleiben).

Solidarische Städte
Organisieren die kommunale Versorgung unabhängig von Staatsangehörigkeit.

(Post-)migrantische Selbstorganisationen
Setzten sich überall gegen Rassismus, Ausgrenzung und für eine offene, postmigrantische Gesellschaft ein.

→ Bundesverband der Netzwerke von Migrantenorganisationen

→ DaMigra

→ neue deutsche organisationen

→ Movement for Black Lives Matter
Kämpft gegen Rassimus und erarbeitet „Vision for Black Lives“, eine umfassende und visionäre politische Plattform mit Forderungen und konkreten Maßnahmen.

→ Center for Intersectional Justice
Arbeitet gegen sich überlappende Formen der struktureller Ungleichheit und Diskriminierung und setzt sich für eine intersektionale Gerechtigkeitsperspektive ein.

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