2048

Heute spielen Nationalstaaten keine wichtige Rolle mehr. Wirtschaften ist viel regionaler organisiert (→ Wirtschaft). Die gesellschaftliche Macht – auch über ökonomische Entscheidungen – liegt vor allem auf lokaler und regionaler Ebene (→ Demokratie). Offene Grenzen ermöglichen uns allen umfassende Bewegungsfreiheit. Einschränkungen gibt es für den globalen Handel mit Gütern und Geld (→ Bewegungsfreiheit).

Im Jahr 2048 gibt es:
↦ Globale Commons, die von allen zum Wohle aller verwaltet werden
↦ einen Rat für Zukunftssicherheit, der die globalen Ressourcen
demokratisch verwaltet

2048 gibt es nicht mehr:
⇤ (post-)koloniale Ungleichheit
⇤ Freihandelsabkommen
⇤ unnötige Transporte

Globale Vielfalt im Pluriversum

Heute sind die über Jahrhunderte entstandenen kolonialen Ungleichheiten weitgehend ausgeglichen – materiell, finanziell, technisch, ökologisch und ideologisch. Das neue Süd-Nord-Verhältnis und die Überwindung kolonialer Strukturen ist das Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe gegen kapitalistische Privilegien, koloniale Kontinuitäten und transnationale Großkonzernstrukturen. Finanzielle, kulturelle und politische Kompensationen unter anderem für koloniale Verbrechen und die Klimaschuld – wie die Rückgabe kolonialer Raubgüter und Ausgleichszahlungen – , waren die Voraussetzung für partnerschaftlichen Handel. Lebensweisen der Vergangenheit, vor allem im Globalen Norden, die sich nur auf Kosten anderer, insbesondere im Globalen Süden, und der Mitwelt realisieren ließen, sind zugunsten einfacher, kooperativer und solidarischer Lebensweisen verschwunden. Diejenigen, die früher nicht genug hatten, haben heute am gesellschaftlichen Reichtum teil. Freiheit und Selbstbestimmung sind überall zentrale Werte. Bei ähnlicher materieller Ausstattung existieren vielfältige und sehr unterschiedlichen Gesellschaftsentwürfe nebeneinander: Ein Pluriversum mit verschiedenen Arten zu wohnen, zu essen, zu lieben, gemeinsam zu produzieren und Institutionen zu verwalten.

Offene Relokalisierung

Dieses Pluriversum verschiedener solidarischer Lebensweisen ist offen und in Bewegung. Alle Menschen können sich darin frei bewegen (→ Bewegungsfreiheit). Umweltschädliche Transporte haben lange aufgehört zu existieren – überregionaler Handel findet nur noch mit Solar- und Segelschiffen sowie mit effizienten Zügen statt (→ Mobilität und Transport). Der wenige verbleibende Flugverkehr ist ausschließlich für Personen reserviert, die ihn wirklich brauchen – sei es für dringende Familienbesuche, wichtige Treffen oder spezielle medizinische Versorgung. Weil der Transport mit Wind und Sonne aufwendiger und langsamer ist, wird viel lokaler und regionaler produziert und verbraucht (→ Produktion und Betriebe, → Ernährung und Landwirtschaft). Viel weniger Güter und Dienstleistungen werden über den ganzen Globus gehandelt. Das Grundprinzip ist dabei die Subsidiarität, d.h. auf der kleinstmöglichen Ebene sollen diejenigen entscheiden, die von den Entscheidungen betroffen sind.

Die Wirtschaft ist viel stärker regional ausgerichtet – und nur dann überregional organisiert, wo das für alle Vorteile bringt. Da sich Lohn- oder Einkommensgefälle, Steuervorteile oder ungleiche soziale und ökologische Gesetzgebungen nicht mehr wie früher mit internationalem Handel ausnutzen lassen, sind auch viele Gründe für internationale Transporte weggefallen. Auch wenn es anfangs von einigen im Globalen Norden als Einschränkung erlebt wurde, dass manche Leckereien wie frische Mangos nicht mehr das ganze Jahr über verfügbar waren, liegt der Fokus mittlerweile auf den Vorteilen – denn die regionale Vielfalt an landwirtschaftlichen und anderen Produkten hat sich stark erhöht (→ Ernährung und Landwirtschaft).

Es werden nur noch die Güter gehandelt, bei denen dies trotz des weiten Transports wirklich sinnvoll ist und die das Wohlergehen der handelnden Partner und Regionen direkt fördern. Waffenhandel ist schon lange verboten. Die meisten Rohstoffe kommen aus der Wiederverwertung früherer Produktion, zum Beispiel durch die Weiternutzung von Materialien und Komponenten. Die Materialkreisläufe von nachwachsenden kompostierbaren Rohstoffen und von recyclebaren und wiederverwendbaren Kunststoffen, Mineralien und Metallen sind überall streng getrennt. Um eine hochwertige Wiederverwendung und -wertung zu gewährleisten, gelten globale Produkt- und Recyclingstandards. Durch eine stark gesteigerte Effizienz im Einsatz von nicht nachwachsenden Rohstoffen sowie durch weniger Produktion ist der Bedarf an diesen stark zurückgegangen. Ob weitere Ressourcen – wie beispielsweise für Batterien notwendige Metalle – ausgebeutet werden, wird in partizipativen Verfahren entschieden, unter Einbeziehung aller Betroffenen. Dabei haben die lokalen vom Abbau betroffenen Gemeinschaften ein besonderes Mitspracherecht. Sie bestimmen auch maßgeblich die Bedingungen der Extraktion und des Handels mit den Rohstoffen, wobei diese fast immer in den betroffenen Regionen verarbeitet werden. Der Rohstoffbedarf hat sich so auf ein Minimum reduziert.

Welthandel zum Wohl aller

Welthandel wird durch demokratische Institutionen am Wohl aller ausgerichtet. Diese Institutionen legen die Handelsregeln fest und orientieren sich an weltweit demokratisch festgelegten Leitprinzipien. Ökologisch, solidarisch, sozial gerecht, nicht auf Kosten anderer, subsidiär und Frieden fördernd – so soll der Handel zwischen Regionen sein, und dabei die notwendigen Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellen.

Konkret heißt das: Um globale Commons wie die Atmosphäre, Meere und biologische Vielfalt zu erhalten, sind auf allen Ebenen – von der Nachbarschaft bis zur globalen Ebene – demokratische Institutionen (→ Demokratie) auf den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen, die Einhaltung der Menschenrechte und auf soziale Gerechtigkeit ausgerichtet. Diese Institutionen legen Regeln fest, sodass Handel – vor allem der über lange Distanzen – nur dann stattfindet, wenn er diese Ziele befördert und nicht untergräbt. Unternehmen wirtschaften kooperativ, ökologisch und sozial, die Zusammenarbeit der Produktions- und Handelspartner fußt dabei auf langfristigen und auch persönlichen Kontakten (→ Produktion und Betriebe). Soweit dabei Preise eine Rolle spielen, sind diese ausgehandelt und spiegeln die sozialen und ökologischen Kosten wider. Handel findet jedoch weitgehend jenseits von Märkten statt. Statt Konkurrenz stehen Kooperation, der Austausch nach Bedürfnissen und Fähigkeiten sowie demokratische Aushandlungs- und Planungsprozesse im Vordergrund.

WIE KOMMEN WIR ZU EINER FRIEDLICHEN WELT OHNE WAFFEN?

Der Traum vom Weltfrieden ist uralt. Und wie das zu erreichen ist, wissen wir auch nicht. Einige Dinge sind zwar ziemlich einfach: Ohne Waffen und eine Waffenindustrie, die mit dem Verkauf und Export Geld verdient, gäbe es viel weniger gewalttätige Konflikte und weniger Opfer. Notwendig ist dafür ein weltweites Ringen darum, die Produktion aller Waffen –von Kleinfeuerwaffen bis zu nuklearen Waffen – einzustellen und die bereits existierenden Waffen zu vernichten. Andere Dinge sind jedoch ausgesprochen kompliziert: Wie lässt sich aus einer Welt von Nationalstaaten und Konkurrenz hin zu einer internationalen Ordnung kommen, die auf Kooperation basiert? Welche Rolle können internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen dabei spielen? Und wie sind diese in globale demokratische Gremien eingebunden? Auf diese Fragen haben wir teilweise Ansätze von Antworten gefunden und sie in die Kapitel eingeflochten. Teilweise sehen wir aber auch viel Bedarf an Diskussion, Forschung und der Entwicklung von konkreten Handlungsperspektiven.

2020
Was es schon gibt

→ Netzwerk Gerechter Welthandel
Schon Anfang des 21. Jahrhunderts setzten sich viele Organisationen und Bewegungen für Reformen des internationalen Handelsrechts ein – damit Handel allen dient, und nicht nur den Wohlhabenden.

→ Pluriversum
Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen beschreiben mit dem Konzept des Pluriversums eine vielfältige Welt, in der viele Welten Platz haben und das Alternativen zu Entwicklung verbindet. Mehr Infos im Buch „Pluriverse: A Post-Development Dictionary“ (2019, Pune).

→ Antimilitarismus und Friedensbewegung
Demonstrationen, direkte Aktionen und Konferenzen – gegen Militär und Waffen und für Abrüstung, kooperative Konfliktbearbeitung und eine friedliche Welt.

→ Weltsozialforen
Weltweite Treffen der sozialen Bewegungen für eine gerechte Welt und ein anderes Wirtschaften.

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