2048

Heute bilden wir uns alle in offenen Bildungslandschaften, in denen Menschen jeden Alters ihren Interessen nachgehen. Alle sind selbstbestimmte Gestalter*innen ihrer eigenen Lernwege und werden darin von Lernbegleiter*innen unterstützt. Es gibt offene, demokratisch organisierte Häuser des Lernens, die Begegnungs-, Lern- und Reflexionsräume anbieten. Aber auch der Wald, die Fahrradwerkstatt, das Stadtteilparlament am Wohnort oder auf der anderen Seite der Welt können Teil der offenen Bildungslandschaften sein. Neben Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben werden grundlegende Fähigkeiten für das Zusammenleben in einer nachhaltigen und solidarischen (Welt)Gesellschaft durch eigenes Tun gelernt.

Im Jahr 2048 gibt es:
↦ Häuser des Lernens
↦ Lernen in jedem Alter
↦ Lernbegleiter*innen
↦ selbstbestimmtes, interessengeleitetes Lernen
↦ kooperatives Lernen in Gruppen
↦ Anschlüsse statt Abschlüsse
↦ Kiez, Kommune und Welt sind Lernorte

2048 gibt es nicht mehr:
⇤ Schulen und Unterricht
⇤ fremdbestimmtes Lernen
⇤ Leistungsdruck und Konkurrenz
⇤ Kontrollen und Noten
⇤ Selektion und Segregation

Eine Lernkultur der Potenzialentfaltung

Heute zielt Bildung darauf ab, Menschen in der Entwicklung ihrer vielseitigen Fähigkeiten und Potenziale zu unterstützen und sie für die Anforderungen des Lebens, Zusammenlebens und des Überlebens zu stärken. Um das Leben auf diesem Planeten nachhaltig zu erhalten, liegen den übergeordneten Bildungszielen heute viel stärker Wertorientierungen wie die der global verhandelten Menschenrechte, Kinderrechte und Naturrechte zugrunde. Menschen werden in den offenen Häusern des Lernens darin unterstützt, sich Haltungen, Fähigkeiten und Wissen anzueignen, die es ermöglichen, eine nachhaltige, solidarische und friedliche Gesellschaft mitzugestalten.

Die Lernkulturen an den verschiedensten Lernorten und Wirk-Stätten bieten das, was für gelingendes Lernen zählt: Wertschätzung, Beziehung, Partizipation, Verantwortung und Sinn. Menschen lernen, indem sie sich – gemeinsam mit anderen – eigene, bedeutsame Fragen, Aufgaben und Herausforderungen suchen und an diesen wachsen. Sie sind weitestgehend selbstbestimmte Gestalter*innen ihrer eigenen Lernwege. Die überall verbreiteten Häuser des Lernens sind die Koordinationsstellen dafür. Hier kommen Menschen jeden Alters zusammen und treffen sich in verschiedenen, zum Beispiel interessen- oder altersbezogenen Bezugsgruppen, die ihre Lernaktivitäten gemeinsam organisieren und reflektieren. Die Lernenden wählen sich Lernbegleiter*innen frei aus, die ihnen als gleichwürdige Bezugs- und Beziehungspersonen mit Reflexions-, Moderations-, Inspirations- oder Beratungsangeboten zur Seite stehen.

In den Häusern des Lernens gibt es vielfältige, verschiedene Lerntypen ansprechende Bildungsangebote zu den grundlegenden Kulturtechniken, die notwendig sind für eine umfassende gesellschaftliche Teilhabe. Es gibt Angebote zum Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen. Und es werden Lerngelegenheiten geboten für das Üben von Problemlösungsfähigkeiten, kritischem Denken, Offenheit, Vorstellungskraft und Kreativität, Empathiefähigkeit und Konfliktlösungsfähigkeiten, Teamfähigkeiten, Handlungsmut, Verantwortungsübernahme als auch Umgang mit Unsicherheit und Nicht-Wissen.

Das Leben selbst bietet die besten Lerngelegenheiten. Die lokalen Bildungslandschaften vernetzen Lern-, Lebens- und Tat-Orte, in denen gelebt, gearbeitet und gelernt wird -– zum Beispiel im Wald, in Werkstätten, Laboren, Planungsbüros, Gesundheitshäusern, landwirtschaftlichen Betrieben und urbanen Gärten, Theatern oder Parlamenten. Dort findet eine ästhetische, also sinnliche Auseinandersetzung mit der Welt statt. Dort gibt es Menschen, die sich Zeit nehmen und fachlich kompetent sind, um Menschen beim theoretischen Erlernen und praktischen Erproben von Wissen und Fähigkeiten zu begleiten. Die Lernenden tragen mit ihrem Tun zur Lösung realer Probleme bei und erfahren, dass sie wirksame und verantwortungsvolle Gestalter*innen ihrer Mitwelt sind. Zahlreiche Lernorte sind global vernetzt und bringen Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Welt zusammen, um an gemeinsamen Projekten zu arbeiten. Aktion und Reflexion sind miteinander verbunden. Denn nach einiger Zeit der Erkundung und Praxis kommen die Lernenden in den Häusern des Lernens zusammen und tauschen sich dort über ihre Erfahrungen aus. Sie reflektieren ihre Erlebnisse, lernen voneinander und planen ihr weiteres Handeln, um das Gelernte weiter umzusetzen oder um sich neue Lernziele zu setzen.

In der fehlerfreundlichen Lernkultur tragen sowohl Scheitern als auch Gelingen zum Lernen bei. Bewertungen und Vergleiche durch Noten und Leistungskontrollen sind abgelöst durch wertschätzende, freiwillige und potentialorientierte Formen der Rückmeldung und Selbstevaluation von Lernprozessen. Statt Abschlüssen gibt es Anschlüsse. Wenn Menschen sich auf ein bestimmtes Tätigkeitsfeld oder einen bestimmten vertiefenden Bildungsweg vorbereiten wollen, werden sie darin in den Häusern des Lernens von ihren Lernbegleiter*innen unterstützt. Die aufnehmenden Betriebe oder spezialisierten Bildungsorte haben dafür die gewünschten Qualifikationen als Zugangsvoraussetzungen formuliert, an denen sich die Lernenden orientieren können.

Aus einem Gespräch zwischen Josepha (Lernbegleiter*in)
und R’anja (Lernende)

R:… Ich glaube einfach, es ist nicht das Richtige für mich.

J: Und wenn du doch mal das Technik-Kollektiv ausprobierst?

R: Aber ich will doch Künstlerin werden und nicht irgendwas bauen!

J: Viele Künstler*innen bauen etwas – Skulpturen, Gebäude, oder sie designen die Dinge um uns herum. Und ich glaube, da liegt deine Stärke, gute technische Lösungen zu finden für Probleme. Weißt du noch, als du damals dieses Modell für ein Musikabspielmodul entworfen hast? Da waren selbst die Nerds aus dem Kollektiv begeistert.

R: Aber das sind ja nur Spielereien.
Ich möchte etwas schaffen auf Leinwand, als Bild!

J: Wenn dir das so wichtig ist, dann musst du nach Pödelwitz gehen, das ist der nächste künstlerische Lernort dieser Art.

R: Aber ich will nicht hier weg.

J: Und wenn du erst mal an einem Online-Kurs teilnimmst?

R: Du meinst das geht? Das ist doch nicht dasselbe.

J: Nein, das ist nicht dasselbe, aber es ist eine gute Möglichkeit auszuprobieren, ob es dir wirklich längerfristig Spaß und Freude bereitet.

R: Okay, aber in der Schlosserei hör ich auf!

J: Das kannst du gerne machen.
Aber du kennst die Spielregeln: bitte sag den anderen Bescheid!

Lernorte der Inklusion und Gleichberechtigung

Bildung ist wie andere soziale Infrastrukturen grundsätzlich lebenslang kostenfrei und für alle zugänglich. Die Häuser des Lernens sind barrierefrei und an menschlichen Bedürfnissen orientiert gestaltet. Sie sind Orte, an denen wir lernen, miteinander zu leben. Durch die Durchmischung von Nachbarschaften (→ Wohnen, → Bewegungsfreiheit) sind auch bei den Lernenden in den Häusern des Lernens die vielfältigen Perspektiven und Lebenssituationen von Menschen in unserer Gesellschaft vertreten. Es wird flexibel auf unterschiedliche Bedürfnisse, z.B. verschiedene Sprachen, eingegangen. Auch die Lernbegleiter*innen repräsentieren gesellschaftliche Diversität. Menschen unterschiedlicher Herkunft, Geschlechtsidentitäten, körperlicher Fähigkeiten und Altersstufen sind grundsätzlich Teil des Teams. Sie arbeiten in multiprofessionellen Teams zusammen und bringen verschiedene Erfahrungen als beispielsweise Pädagog*innen, Logopäd*innen, Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen oder Physiker*innen ein. Die Lernbegleiter*innen nehmen regelmäßig an macht- und herrschaftskritischen Weiterbildungen, Beratungen und Supervisionen teil, um ihre Praxis in Hinblick auf ihre eigene Rolle machtkritisch zu reflektieren. Da trotz aller Bemühungen jahrhundertealte Diskriminierungsformen noch nicht ganz aufgelöst sind, stehen in den Häusern des Lernens Ansprechstrukturen, Empowerment- und Reflexionsräume zur Verfügung. Sie werden sowohl von Menschen, die Diskriminierung erfahren als auch von Menschen, die Privilegierung erfahren, selber gestaltet und genutzt, um an einem gleichberechtigten Miteinander zu arbeiten.

Lernorte der Demokratie

Die Häuser des Lernens sind Orte demokratischer Selbstbestimmung und Selbstverwaltung. In den basisdemokratischen Organen der Einrichtung haben alle die Möglichkeit, das Miteinander zu gestalten, Situationen zu verändern und an der Gestaltung von für alle tragbare Lösungen mitzuarbeiten. Mit Blick auf die Heranwachsenden wird in den Häusern des Lernens die Kinderrechtskonvention vollständig umgesetzt. Die Kinder und Jugendlichen können sich ebenso wie die Erwachsenen aktiv einbringen. Alle entwickeln so den Mut, die Kreativität und die Kompetenz, um in der heutigen Gesellschaft handlungsfähig zu sein und ihre Gegenwart auch im Hinblick auf ihre Zukunft mitgestalten zu können.

Gute Bildung für alle hat einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert,es werden dafür ausreichend öffenliche finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Als bildungspolitischen Rahmen gibt es einen Rat für Weiterentwicklung, in der Bildungsexpert*innen, Expert*innen aus allen anderen gesellschaftlichen Bereichen und auch Lernende aus den Häusern des Lernens verhandeln, wie eine zukunftsfähige Bildung gestaltet sein soll. Dabei orientieren sich sich an global vereinbarten Rahmendokumenten zu den Zielen zukunftsfähiger Bildung. Der Rat für Weiterentwicklung übt eine beratende Funktion für die regionalen Bildungsräte aus. Diese regionalen Bildungsräte beraten die eigenständigen Häuser des Lernens. Sie koordinieren und unterstützen außerdem die Vernetzungen und Kooperationen in den diversen Bildungslandschaften.

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