2048

Während der Verkehr heute deutlich reduziert ist, sind wir doch mobiler als früher. Statt einer Kultur der Beschleunigung und Infrastrukturen für schnellen Individualverkehr setzen wir heute auf räumliche Nähe und eine ökologische Mobilität, die für alle zugänglich ist.

Im Jahr 2048 gibt es:
↦ Autofreie Städte und Dorfplätze
↦ attraktive Züge und Bahnhöfe
↦ Lastenfahrrad-Verzier-Kultur
↦ Fahrradwege und -straßen
↦ überall gut getakteten öffentlichen Nahverkehr

2048 gibt es nicht mehr:
⇤ sinnloser Transport, um Kostenvorteile zu nutzen
⇤ Autobahnen
⇤ Massentourismus
⇤ Kurzstreckenflüge
⇤ fossile Mobilität

Mobilität auf dem Land

Der Verkehrsbedarf ist heute auf dem Land viel geringer als früher. Dies hat viele Gründe:

  • Alle Siedlungen und Dörfer verfügen (wieder) über all das, was einen angenehmen Alltag ausmacht (→ Wohnen).

  • Die Fokussierung auf Sorgearbeit, die eben auch in Dörfern stattfindet (→ Gesundheit und Teilhabe).

  • Die Re-Regionalisierung von Handwerk, Produktion und anderer Arbeit, sodass Menschen meist in der Nähe ihres Wohnortes erwerbsarbeiten können.

  • Die dezentrale Versorgung durch eine kleinbäuerliche Landwirtschaft (→ Ernährung und Landwirtschaft)

  • Die Einrichtung vieler Co-Working-Spaces, in denen Menschen an überregionalen Projekten mitwirken können, ohne dabei zu vereinsamen, und Technik gemeinsam nutzen können, um Ressourcen einzusparen.

Viel mehr Menschen als früher leben auf dem Land und sind dort tätig, Menschen sind nicht mehr zum Pendeln in die Stadt gezwungen.

Die alltäglichen Wege sind alle so nah, dass sie mit dem Fahrrad oder kostenfreiem öffentlichem Nahverkehr zurückgelegt werden. Die Synchronisierung von Arbeitszeiten in dünn besiedelten Gebieten hat dazu beigetragen, dass auch dort der Nahverkehr gut ausgelastet ist. Menschen, die sich nur schlecht fortbewegen können, greifen für die letzten Meter auf (Fahrrad-)Taxis zurück, die es in jedem Dorf bzw. Dorfverbund gibt.

Die Dorfplätze sind vielfach autofrei. Für den Weg in das nächste Dorf oder die Stadt greifen einige Menschen noch auf elektrische Kleinwagen zurück, allerdings meistens als geteiltes Auto. Die überall vorhandenen Mitfahrbänke, die Entschleunigung des Alltags und der Abbau von Diskriminierung haben das Fahren per Anhalter wieder attraktiv gemacht. Gleichzeitig wurden gut ausgebaute Fahrradstraßen zwischen den Gemeinden gebaut, an deren Rändern sich viele Läden, Fahrradselbsthilfewerkstätten und anderes Gewerbe niedergelassen haben. Dazwischen finden sich kleine Ruheinseln und Gärten.

Mobilität in der Stadt

Eine Kultur des Teilens, Lebensmittelpunkte (→ Wohnen), urbanes Gärtnern und offene Werkstätten haben auch in der Stadt den Verkehr stark verringert, weil – wie auf dem Land – alles für den Alltag in der direkten Nachbarschaft zu finden ist oder sogar dort produziert wird.

Die meisten Städte sind autofrei. Ausgenommen sind Fahrzeuge für den Transport besonders schwerer Dinge (z.B. Müllabfuhr, Baumaterial) und für Notfälle wie Feuerwehr oder Krankenwagen; aber auch diese Einsätze sind zurückgegangen, da viel weniger Unfälle passieren. Dadurch ist der städtische Raum ein sicherer Ort für alle geworden, ein Ort der Gespräche, des Spielens und der belebten Stille. Aus den Straßen sind Fahrradwege (oft zweigeteilt in eine Schnellspur und eine normale Spur), Parks, kleinere Grünflächen, Beete, Spielplätze und vieles mehr geworden. Der Unterschied zwischen Stadt und Land hat abgenommen, ebenso wie der Bedarf „raus ins Grüne“ fahren zu wollen. Die Nutzung des kostenfreien Nahverkehrs für lange Strecken dominiert, während für kürzere Wege das Fahrrad(-taxi) genutzt wird.

WO SIND DIE AUTONOMEN ELEKTROAUTOS?

In den gängigen Zukunftsszenarien für Verkehr (#Mobilitätswende) spielt die Elektromobilität eine große Rolle. Dabei geht es nicht nur um einen klimaschonenden öffentlichen Verkehr, sondern auch um die Möglichkeit, den autofokussierten heutigen Lebensstil beizubehalten. Dies bedeutet aber auch all seine Folgen – Unfälle, Flächenversieglung, Lärm, Ressourcen- und Energieverbrauch – beizubehalten. Wir halten diese Strategie deswegen für falsch. Ein zweites heißes Zukunftsthema im Bereich Mobilität sind autonome Fahrzeuge – sie sollen Unfälle, Staus und Energieverbrauch deutlich senken, wenn sie als öffentliche Fahrzeuge effizient koordiniert werden können. Wir haben uns in unserem Szenario gegen diese Technik entschieden, da Autos in unserer Vision sowieso nur noch eine sehr begrenzte Rolle spielen und triftige Argumente dagegen sprechen. So könnte durch autonome Fahrzeuge das Autofahren auch attraktiver werden und mehr Leute dazu bewegen, längere Strecken mit Autos zurückzulegen. Außerdem braucht es dafür ressourcenintensive und datenschutzrechtlich fragwürdige Datenverarbeitungs-Infrastruktur, die riesige Datenmengen generiert.

Fernverkehr und Reisen

Die ehemaligen Autobahnen sind heute einspurige Straßen mit einem Tempolimit von 100km/h, auf denen vor allem elektrisch betriebene Busse sowie einige Last- und Kleinwagen unterwegs sind. Dafür gibt es gegenüber 2020 eine Bahn mit doppelt so großem Schienennetz, das dreimal so viele Mitarbeitende betreiben – davon viele aus der ehemaligen Autoindustrie. Längere Strecken werden standardmäßig mit der Bahn zurückgelegt – das ist am komfortabelsten, schnellsten und günstigsten.

Die Bahn hat sich stark gewandelt. Das fängt bei den Bahnhöfen an, die gleichzeitig Mobilitätszentren und Begegnungsräume sind, mit gemütlichen offenen Küchen, Lounges, Schlafplätzen, Leseecken und Ruheräumen. Die Bahnen selbst bieten Themenabteile, Kinderbegleitung und ein hohes Maß an Komfort. Letzteres gilt besonders für das europaweite Netz an Nachtzügen. Zugleich wurde die Geschwindigkeit auf maximal 200km/h beschränkt, wodurch sich der Energieverbrauch verringert und die Strecken weniger gerade gebaut werden müssen. Die Energie der Züge kommt vollständig aus erneuerbaren Energien – ein kleiner Teil davon wird sogar im Fitnessraum der Züge während der Fahrt produziert.

Durch die Entschleunigung des Alltags und die Verringerung der Lohnarbeitszeit gehören Kurztrips mit dem Flugzeug der Vergangenheit an. Überhaupt ist das Bedürfnis nach Urlaub als Mittel, um dem stressigen Alltag zu entkommen, stark gesunken. Stattdessen reisen viele Menschen meist länger – entweder für ein paar Wochen mit der Bahn oder strombetriebenen Binnenschiffen oder für längere Trips mit Nachtzügen oder mit Solarsegelschiffen über das Meer. Oft werden dafür mehrere Monate Auszeit genommen. Weil der Alltag weniger belastend ist, ist das Ziel dieser Reisen nicht, sich in kürzester Zeit maximal zu erholen, sondern andere Lebensweisen und Landschaften in Ruhe kennenzulernen.

Es gibt 2048 auch noch Flugzeuge und Flughäfen. Ihre Attraktivität hat jedoch stark abgenommen. Im Gegensatz zu Bahnhöfen sind Flughäfen funktionale Orte, von denen es auch nur noch drei in Deutschland gibt. Hauptfunktion der Flughäfen ist es, den Personen die Möglichkeit zum schnellen Reisen zu geben, die sie brauchen – vor allem Menschen auf der Flucht, die schnell ihr Land verlassen müssen und Menschen deren Familien auch per Schiff schwierig zu erreichen sind. Flüge innerhalb Europas gibt es kaum noch und kaum jemand will mehr ohne Not fliegen, weil es als teuer, unkomfortabel und nicht verantwortbar empfunden wird.

Güterverkehr

Der überregionale Güterverkehr hat in den meisten Regionen durch die Regionalisierung der Wirtschaftskreisläufe stark nachgelassen (→ Globale Gerechtigkeit). In manchen Gebieten wird jedoch auf eine effiziente Gestaltung der Fernversorgung gesetzt. Auch hier gilt aber, dass Rohstoffe und unverarbeitete Nahrungsmittel nicht über längere Strecken transportiert werden. Stattdessen geschieht die Verarbeitung vor Ort und der Transport per Solarsegelschiff und Bahn. Innerhalb der Regionen wird sehr viel per Lastenrad transportiert. Um dieses Transportmittel ist eine ganze Kultur des Schmückens der Lastenräder entstanden, angelehnt an die Fahrzeugkunst in Südasien.

E-MAIL AUS DEM URLAUB

Annaba, 20.6.2048

Hallo Maik, herzliche Urlaubsgrüße aus Annaba! Auch dieses Jahr sind wir mit Nachtzug, Segelschiff und Bus gereist, alles hat gut geklappt, und jetzt sind wir endlich in Annaba angekommen. Das einzig Spannende war, das ich auf dem Schiff endlich selbst Segel setzen und viel im Ausguck rumhängen durfte. Aber jetzt kommt der Hammer: Urtan, der Sohn unserer Gastfamilie, der immer so genervt hat, ist ganz anders. Letztes Jahr hat er die ganze Zeit mit meiner Mutter und seinem Vater rumgehangen, wenn die sich über irgendwelche Entsalzungssysteme unterhalten haben. Aber dieses Jahr ist er total freundlich und will mir Windsurfen beibringen. Morgen fahren wir mit den Hamadis für eine Woche zum Fetzara-See. Die haben einen Fahrradbus besorgt und Urtan und ich haben schon ausgemacht, dass er mir auf der Fahrt mit meinem Arabisch weiterhilft. Ich hoffe, ihr habt eine schöne Zeit in Tiflis, wir sehen uns in ziemlich genau 50 Tagen!

Herzliche Grüße,
Katia

2020
Was es schon gibt

Bündnisse und Vereine
die sich für eine andere Mobilität einsetzen:
→ Am Boden bleiben
→ Sand im Getriebe
→ Back on Track
→ ADFC
→ VCD
→ Allianz pro Schiene
→ Bahn für Alle

Initiativen
die erfolgreich Widerstand gegen den (Aus)bau von Flughäfen leisten:
→ Notre-Dame-des-Landes
→ London
→ München

Lokale Organisationen
die für eine ökologische Verkehrswende kämpfen:

→ Changing Cities (Berlin)
→ Einfach einsteigen
(Bremen)
→ Nahverkehr für alle
(Kassel)
→ System Change not Climate Change
(Wien)
→ Wanderbaumallee
(Stuttgart)

→ Groenlinks
Niederländische Partei, die die Streichung von Flugverbindungen von unter 750km fordert.

→ Sailcargo
Firma, die Frachtsegelschiffe baut.

→ Österreichische Bundesbahn
Baut das europäische Nachtzugnetz aus.

→ Weiberwirtschaft und → Climate Perks
Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden mehr Urlaub anbieten, wenn sie nicht fliegen.

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